Woher ich komme
Ein Bauernhof, ein Dorf, eine Bühne
Ich wurde in Russland geboren und wuchs auf einem großen Bauernhof in einem deutschen Dorf auf. Unser Leben war einfach, aber geprägt von harter Arbeit. Wir hatten Schweine, Kühe, Schafe, Enten, Gänse, Hühner, Hunde und Katzen, dazu große Felder mit Obst und Gemüse.
Schon als Kind bedeutete Alltag für mich Verantwortung. Meine Eltern führten nicht nur den Hof, sie waren zusätzlich berufstätig. Ich half selbstverständlich mit und kümmerte mich oft um meine knapp zwei Jahre jüngere Schwester. Meine Mutter ist gelernte Schneiderin, mein Vater brach sein Lehramtsstudium ab, um LKW-Fahrer zu werden, weil das seine Leidenschaft war. Von beiden habe ich gelernt, dass Fleiß selbstverständlich ist.
Und doch war ich irgendwie anders.
Während andere Kinder mit Puppen spielten, zog es mich auf die Bühne. Ich liebte es zu tanzen, zu singen, Theater zu spielen und Gedichte vorzutragen. Gleichzeitig konnte ich mich stundenlang mit Büchern beschäftigen. Lesen lernte ich mit fünf Jahren, noch vor der Schule. So lange hatte ich meine Mutter gefragt, bis sie es mir beigebracht hatte. Ich wollte wissen, welche Geschichten in all diesen Büchern verborgen waren.
Schon damals war meine größte Stärke meine Neugier.
Die Frage, die blieb
Warum wachsen manche Kinder ohne Eltern auf?
Meine Mutter erzählte mir oft über ihre Ausbildungszeit, auch, dass sie in einem Internat direkt neben einem Waisenhaus lebte. Dort freundete sie sich mit Jugendlichen an, die ohne Eltern aufwuchsen.
Als Kind konnte ich das nicht begreifen. Wie konnte es sein, dass Kinder ohne Familie leben mussten? Diese Frage ließ mich nicht mehr los. Immer wieder stellte ich sie mir und fasste einen Entschluss, den wahrscheinlich kaum ein Kind fasst.
Wenn ich einmal groß bin, möchte ich etwas für diese Kinder tun.
Damals träumte ich sogar davon, selbst ein Waisenhaus zu gründen. Ich wusste noch nicht, dass dieser Gedanke mein ganzes Leben begleiten würde.

Der erste Umweg
„Du schaffst das nicht“
1993 wanderten wir nach Deutschland aus. Als Russlanddeutsche kehrten wir in das Land unserer Vorfahren zurück, fast unser gesamtes Dorf machte sich damals auf den Weg. Ich habe diesen Schritt nie hinterfragt. Ich habe gelernt, Veränderungen anzunehmen, und diese Fähigkeit begleitet mich bis heute.
Der Start war dennoch alles andere als leicht. Wegen der Sprache wiederholte ich die dritte Klasse und kam auf die Hauptschule. Doch ich wollte mehr und wechselte später auf die Werkrealschule. Dort machte ich eine prägende Erfahrung. Als wir einen Praktikumsplatz suchen sollten, sagte ich meinem Lehrer, dass ich gern bei einer Psychologin arbeiten würde. Er lächelte nur. Ich solle lieber schauen, dass ich überhaupt meinen Schulabschluss schaffe.
Damals glaubte ich ihm.
Nach der Schule scheiterten zunächst mehrere Ausbildungsversuche, bis ich eine Ausbildung zur Finanzkauffrau absolvierte. Doch ich spürte schnell, dass dieser Beruf nicht meine Zukunft sein würde. Also begann ich noch einmal von vorne und holte meine Fachhochschulreife nach, obwohl kaum jemand verstand, warum ich diesen Weg ging.
Gemeinsam mit meinem damaligen Freund zog ich in eine größere Stadt. Anfangs schien alles perfekt. Doch wenige Wochen später veränderte sich alles. Über diese Zeit möchte ich heute noch nicht sprechen. Nur so viel: Ich wusste, dass ich gehen musste. Einen Monat lang lebte ich praktisch aus meinem kleinen Ford Fiesta und schlief nachts im Auto.
Ich hätte jederzeit aufgeben können. Doch ich tat es nicht.
Ich fand eine Wohnung, schloss meine Fachhochschulreife ab und kehrte zunächst zu meinen Eltern zurück.
Der zweite Umweg
Zum zweiten Mal urteilte jemand über mich
Mein Traum war klar: Ich wollte Psychologie oder Pädagogik studieren. Voller Stolz legte ich meinen Abschluss bei der Berufsberatung vor. Die Antwort traf mich mitten ins Herz. Mit einer Fachhochschulreife im Bereich Wirtschaft könne ich ausschließlich BWL studieren, für soziale Studiengänge gäbe es keine Möglichkeit. Wieder glaubte ich, mein Traum sei vorbei.
Also entschied ich mich für Personalmanagement, den Bereich, der der Psychologie wenigstens ein kleines Stück nahekam. Parallel engagierte ich mich ehrenamtlich in der Jugendarbeit meiner Heimatstadt. Dort geschah etwas, das mein Leben erneut verändern sollte. Nach einer Veranstaltung sprach mich ein Gemeinderat an. Er hatte beobachtet, wie ich mit Jugendlichen arbeitete, und sagte: „Sie gehören in die Sozialpädagogik.“ Als ich ihm erklärte, das sei angeblich unmöglich, widersprach er mir, nannte mir Hochschulen und sagte nur: „Bewerben Sie sich.“
Ich bewarb mich. Überall. Und bekam von überall eine Zusage.
Zweimal hat jemand über meine Möglichkeiten geurteilt. Zweimal hat das Leben bewiesen, dass er sich geirrt hat.Nelli Aman-Minnich

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Der Weg dahin
Was daraus wurde
Ich entschied mich für Sozialpädagogik. Es war die beste Entscheidung meines Lebens, das Studium bestätigte alles, was ich schon immer gespürt hatte. Nebenher blieb ich ehrenamtlich aktiv.
Kurz vor dem Abschluss moderierte ich eine Veranstaltung in meiner Heimatstadt. Dort fragte mich der damalige Bürgermeister, ob ich mir vorstellen könne, als Integrationsbeauftragte beim Landratsamt zu arbeiten. Eigentlich wollte ich nie wieder in eine Kleinstadt zurück. Meine Eltern baten mich dennoch, die Bewerbung zu schreiben: „Wenn du eine Absage bekommst, lassen wir dich ziehen.“ Ich bewarb mich und bekam eine Zusage.
Die Arbeit machte mir große Freude. Ich lernte politische Prozesse kennen, entwickelte Konzepte, übernahm Verantwortung. In kurzer Zeit war ich für zwei weitere Bereiche zuständig. Zwei Jahre später lernte ich meinen heutigen Mann kennen, wir gründeten eine Familie. Nach meiner Elternzeit existierte meine ursprüngliche Stelle nicht mehr. Stattdessen bekam ich das Angebot, im Jugendamt zu arbeiten.
Der Wendepunkt
Der Moment, der alles verändert hat
Im Jugendamt erlebte ich etwas, das mein Leben für immer verändern sollte. Eine Mutter saß vor mir und traf die schwerste Entscheidung ihres Lebens, aus Liebe zu ihrem Kind. Sie wusste, dass sie psychisch nicht mehr in der Lage war, sich um es zu kümmern. Als alles besprochen war, stand sie auf, umarmte mich und sagte Danke. Diesen Moment werde ich nie vergessen. Als sie gegangen war, brach ich in Tränen aus.
Und da erinnerte ich mich an das kleine Mädchen, das seine Mutter gefragt hatte, warum manche Kinder ohne Eltern aufwachsen. Plötzlich verstand ich.
Nicht jede Mutter gibt ihr Kind auf, weil sie es nicht liebt. Manche tun es gerade deshalb.
In diesem Augenblick wusste ich, dass ich nicht erst dann helfen möchte, wenn alles zusammengebrochen ist. Ich möchte Frauen begleiten, bevor sie an diesen Punkt kommen, und dazu beitragen, dass Kinder in einem Umfeld voller Liebe, Sicherheit und emotionaler Stärke aufwachsen. Deshalb verließ ich das Jugendamt und wechselte an eine Schule.
Doch mit der Zeit wurde mir klar, dass echte Veränderung nicht erst bei den Kindern beginnt. Sie beginnt bei den Erwachsenen. Vor allem bei den Müttern.
In den vergangenen Jahren habe ich parallel zur Schule zahlreiche Coaching-Ausbildungen absolviert. Mit 40 erfüllte ich mir schließlich den Traum, den ich als junges Mädchen begraben hatte, und begann neben Arbeit und Familie ein Psychologiestudium im Ausland. Es war eine der herausforderndsten Zeiten meines Lebens, nicht nur für mich, auch für meine Familie. Aber ich wusste, warum ich diesen Weg gehe.
Womit ich arbeite
- Bachelor of Arts Sozialpädagogik, DHBW Villingen-Schwenningen
- Systemischer Coach, Institut für Bildungscoaching
- Coaching für Berufsberatung, Institut für Bildungscoaching
- Psychologiestudium „General Psychology and Psychotherapy“, Academy of Effective Psychology and Psychotherapy
- Viele Jahre Arbeit mit Familien, unter anderem im Jugendamt und an Schulen

Heute
Warum ich das mache
Heute verbinde ich Pädagogik, Psychologie und Coaching. Denn ich möchte den Frauen das geben, was ich mir selbst auf meinem Weg immer wieder erarbeiten musste:
Vertrauen.
Innere Stärke.
Orientierung.
Und den Mut, an sich selbst zu glauben, auch dann, wenn andere es nicht tun.
Heute weiß ich: Der Wunsch, Frauen und Kindern zu helfen, ist nicht irgendwann entstanden. Er war schon immer da. Mein Leben bestand aus vielen Umwegen. Aber keiner davon war umsonst. Jeder einzelne Schritt hat mich dorthin geführt, wo ich heute stehe.
Unsere Vergangenheit definiert uns nicht. Sie bereitet uns auf unsere Aufgabe vor.
